Zu den Komponisten und Stücken des Programms:

Der Hauptprotagonist unseres Konzerts geistlicher Musik am Hof Maximilian I. ist natürlicherweise dessen Hofkapellmeister Heinrich Isaac (ca. 1440 – 1455, Flandern oder Brabant – 1517 Florenz). Ein Innsbrucker Dokument vom 3. April 1497 tituliert Isaac als Hofkomponist und noch am selben Tage unterschrieb Issak eigenhändig das Dienstgelöbnis. Bis zu seinem Tod wird er trotz Dienste auch für andere Höfe mit der Hofkapelle Maximilians verbunden bleiben.
Auch den Höhepunkt seiner Karriere erlebt er mit dem von April bis Juli 1507 in Konstanz abgehaltenen Reichstag und der im Februar 1508 in Trient stattgefundenen Kaiserkrönung Maximilians in dessen Diensten.
Für diese Feierlichkeiten entstanden großartige Staatsmotetten wie die heute aufgeführte 6 stimmige Motette “Virgo prudentissima – prima pars”. Der Text stammt von dem Humanisten Roman Vadian, dem Rektor der Wiener Universität. Die Jungfrau Maria und der Chor der Erzengel werden als Fürbitter für Kaiser und Heiliges Reich aufgerufen. Grundlage des Werkes ist ein liturgischer cantus firmus, der nach imitierenden Duetten in langen Notenwerten im tutti erklingt.
Es könnte sich bei der Komposition aber auch um ein Kontrafaktum einer früheren rein geistlichen Fassung handeln, weil der cantus firmus den Text der Antiphon zum Magnificat am Fest Maria Himmelfahrt bildet, die jetzt verloren ist.
Dafür spricht die Vermutung, dass die “Missa a 6 Voce – Virgo Prudentissima”, das zweite Hauptwerk des heutigen Konzerts, schon 1503 in Innsbruck erklang und somit eine Parodie der früheren liturgischen Fassung darstellen würde.

Als zweiter Vertreter der Maximilianischen Kapelle findet sich in unserem Konzertprogramm der Komponist Ludwig Senfl (ca. 1486 Basel – ca. 1542 München). Senfl trat als Sänger 1496 in den Dienst Maximilians und wurde von Heinrich Isaac in die Musik eingeführt. Wie tief er diesem verpflichtet war zeigt sich in dem autobiographischen Lied “Lust hab ich ghabt zur Musica” und nach Isaacs Tod 1517, trat Senfl als “Notator” der Kaiserlichen Kapelle an dessen Stelle.
Die heute aufgeführte Trauermotette “Quis dabit oculis” auf den Tod Maximilians I. von Senfl war allerdings keine Neuschöpfung, sondern ist eine Adaptierung einer älteren Komposition von Constanzo Festa (ca. 1490 – 1545). Der Grund hierfür mag darin gelegen haben, daß Maximilian sehr überraschend starb.

Weiters erklingen zwei rein instrumentale Werke im heutigen Konzert.
Das erste ist von Paul Hofheimer (1459 Radstadt – 1537 Salzburg). Als einer der berühmtesten Organisten seiner Zeit erfreute sich Hofheimer der besonderen Gunst des Kaisers und war auch als dessen Hoforganist angestellt.
Es erklingt sein Instrumentalstück “Carmen in sol” (carmen, lat. “Lied”).
Die Praxis Vokalwerke nur mit Instrumenten aufzuführen ist seit 1500 überliefert und wurde im besonderen auch von den hervorragenden Bläsern der Maximilianischen Kapelle gepflegt. Wir folgen dieser Taradition mit der instrumentalen Darbietung der Weihnachtsmotette “Praeter rerum seriem” von Josquin Desprez (um 1440 - 1521 Condé-sur-l’Escaut). Obwohl Josquin nicht direkt mit dem Habsburgerhof verbunden war, zeigt die 1520 in Augsburg erschienene und von Senfl zusammengestellte Sammlung “Liber selectarum cantionum” wie sehr er dort geschätzt wurde. Dieser Sammelband mit Stücken verschiedener Komponisten zeigt einen guten Überblick über das Repertoire der Maximilianischen Hofkapelle, die ein Jahr zuvor aufgelöst wurde, und Josquin ist neben “Praeter rerum seriem” auch mit anderen Werken in diesem prominent vertreten.


!! Stuppner!! in Arbeit

Den Abschluß des heutigen Konzerts bilden Gloria und Sanctus der Messe “Et ecce terrae motus” von Antoine Brumel (ca. 1460 – ca. 1520). Über Brumels Leben ist uns heutzutage sehr wenig bekannt. Er dürfte in Frankreich geboren sein und hatte dort unter anderem eine Anstellung an der Kathedrale Notre Dame in Paris, bevor er ab 1505 in Italien (Ferrara, Mantua) wirkte.
Die 12 – stimmige Messe “Et ecce terrae motus” (“Erdbebenmesse”) ist wegen ihrer großen Besetzung einzigartig in der Zeit um 1500. Nur eine hervorragende und große Hofkapelle dieser Zeit war in der Lage so ein Werk aufzuführen. Für welchen Hof Brumel dieses eindrucksvolle Werk schuf ist nicht bekannt, und es wurde auch nie gedruckt. Einzig ein handschriftliches Aufführungsmaterial ist erhalten welches beweist, daß Orlando di Lasso (ca. 1530 – 1594), der berühmte Münchner Hofkapellmeister, dieses Werk noch um 1570 aufgeführt hat.
Daß Brumels große Messe am Hof Maximilians jemals erklang ist ungewiss. Kein Werk ist aber wohl geeigneter zu zeigen, wie kunstfertig und prachtvoll die Musik der größten und wichtigsten Hofkapellen Europas damals sich den Menschen präsentierte, von denen die Kapelle von Maximilian I. mit Gewissheit eine hervorragende Stellung inne hatte.

Bernhard Rainer